Sabbatical im Chancenwerk

Claudio Reiff startete das Experiment “Sabbatical” und begleitete Chancenwerk acht Monate als Projektleiter im Marketing. Nach 15 Jahren Arbeitserfahrung in einem Münchener Technologiekonzern, schnupperte der Leiter im Produktmarketing ein Dreivierteljahr etwas von der Luft im Nonprofit Sektor. Claudio berichtet in seinem Blogbeitrag von gemeinsam erarbeiteten Projektplänen und Marketingzielen sowie von der Innovationskraft eines Sozialunternehmens.

Claudio Reiff mit dem Leitungsteam von Chancenwerk e.V. bei dem Deutschen Stiftungstag in Nürnberg.

Vor Beginn meiner Tätigkeit beim Chancenwerk im November letzten Jahres fragte mich Murat Vural, der Geschäftsführer und Gründer des Vereins: „Was muss passieren, damit das Experiment Sabbatical glückt?” Gute Frage. Ich komme später darauf zurück.

Worin bestand das Experiment? Ich bin seit knapp 15 Jahren bei einem großen Münchener Technologiekonzern tätig und habe die letzten Jahre verschiedene spannende Positionen im strategischen Marketing, Business Development und Produktmarketing bekleidet. Da der Konzern seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel bietet, gibt es dort auch die Möglichkeit eines Sabbaticals, sprich unbezahlten Urlaubs, um sich eine Zeitlang anderen Interessen zu widmen. In meinem Fall gilt dieses Interesse dem Sozialunternehmertum.

Ich finde Unternehmer wie Murat spannend, die versuchen, mit betriebswirtschaftlichen Herangehensweisen soziale oder gesellschaftliche Probleme zu lösen. So kam ich schon vor ein paar Jahren mit Chancenwerk in Kontakt und hatte sie bereits ehrenamtlich beraten. Das geht als Nebenjob natürlich nur in einem beschränkten Umfang. Daher entschied ich mich letztes Jahr, es nun im Rahmen einer Auszeit „richtig“ zu machen.

Und schon startete ich das Experiment als „Projektleiter Marketing“ (pro bono) beim Chancenwerk im Büro auf der Münchener Praterinsel. Wir setzten uns Marketingziele, entwarfen einen Projektplan, definierten Arbeitspakete, KPIs und begannen unsere Außendarstellung zu überarbeiten. Die Fragestellungen kamen mir aus der Industrie bekannt vor: Welche einzigartigen Produktmerkmale bieten wir und welchen Nutzen hat der Kunde davon? In unserem Fall sind es viele Kunden bzw. Stakeholder: Kinder und Jugendliche, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen, Stiftungen, usw. Jede Zielgruppe muss anders angesprochen und überzeugt werden, was die Dienstleistung von Chancenwerk, die „Lernkaskade“, zu bieten hat. Welche Mission und Vision verfolgen wir? Trifft unsere aktuelle Formulierung eigentlich den Kern? Wie können wir unser Angebot mit einem Claim untermalen? Wie erkläre ich Chancenwerk in drei Sätzen?

Das Team von Chancenwerk e.V.

Soviel zu den Inhalten. Daneben ging es auch um die Frage, wie wir arbeiten. Ich komme aus einem Industriekonzern und bin es gewohnt, strukturiert in Projektplänen, Deadlines, Organigrammen und Management-Präsentationen zu denken und zu arbeiten. Wieviel davon passt nun zu einer schnell wachsenden Organisation wie Chancenwerk? Was ist das richtige Maß davon, um sich gleichzeitig Flexibilität, Innovationskraft und Agilität zu bewahren? Nach ein paar Monaten habe ich erkannt, dass nicht alles aus der privatwirtschaftlichen Welt auf den sozialen Sektor passt. Auf der anderen Seite hat Chancenwerk erkannt, dass sie auch davon profitieren können, Projektpläne aufzusetzen und vierteljährliche Statusmeetings zu machen, in denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die aktuelle Zielerreichung anschauen und Maßnahmen davon ableiten.

Per se gibt es kein Richtig oder Falsch. Beide Sektoren, ob nun die Privatwirtschaft oder das Sozialunternehmertum, arbeiten auf ihre Weise hoch professionell und innovativ. Aber natürlich erfordern unterschiedliche Produkte und Rahmenbedingungen jeweils passende Methoden und Ansätze.

Nun endet meine Tätigkeit beim Chancenwerk bereits. Ich habe sehr viel gelernt, wovon ich auch bei meiner nächsten Aufgabe profitieren werde. Und ich hoffe, Chancenwerk hat auch von meinem Beitrag profitiert. Murat sagte zu mir in unserem Abschlussgespräch: „Wenn wir nur eine von zehn deiner Ideen umsetzen, dies aber in der gesamten Organisation, dann hast Du wirklich etwas bewirkt.“ Ich habe das Gefühl, dass sie das tun werden. Experiment geglückt.

Claudio Reiff

Claudio Reiff war von November 2017 – Juni 2018 als Marketing-Projektleiter (pro bono) während seines Sabbaticals für Chancenwerk e.V. tätig. Er ist seit über zehn Jahren in verschiedenen Funktionen im Marketing / Business Development bei Infineon Technologies AG tätig, zuletzt als Leiter Produktmarketing.

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